Plattdeutsch – die Sprache des Meeres

Ich liebe die Buch-Haltestellen in den HVV-Bussen: Ständig wechselndes Sortiment, Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte oder auch solche, die ich sonst nie in die Hand genommen hätte. Keine Verpflichtungen, keine Abgabefristen, die zur Leseeile zwingen. Wenn Zeit ist, dann ist Zeit. Und nun ist Zeit. Zeit zum Lesen. Kurt Tucholskys “Schloss Gripsholm” lagert schon eine Weile auf der Fensterbank – jetzt also. Mir begegnet hier nicht der sonst so politische Tucholsky, der Satiriker, der Gesellschaftskritiker, sondern ein Tucholsky, der eine Sommerliebesgeschichte erzählt. Natürlich nicht ohne Spitzen. Aber, und deshalb gibt es diesen Post, es wird auch das Plattdeutsche betrachtet und liebevoll gewürdigt. Anlass im Werk dafür ist das Nachdenken des Erzählers über die missingsch sprechende Lydia, die Prinzessin-Sekretärin mit der Altstimme aus Rostock:

“Manchen Leuten erscheint die plattdeutsche Sprache grob, und sie mögen sie nicht. Ich habe diese Sprache immer geliebt; mein Vater sprach sie wie hochdeutsch, sie, die «vollkommnere der beiden Schwestern», wie Klaus Groth sie genannt hat. Es ist die Sprache des Meeres. Das Plattdeutsche kann alles sein: zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern und vor allem, wenn man will, herrlich besoffen.”

Kurt TUCHOLSKY: Schloss Gripsholm. Hamburg: rororo, 1985, S. 14 f.
Bewegte Nordsee, Norderney