Kunst für die Kunsthalle

HH-Mitte, Altstadt, Kunsthalle, Südostseite, 53.554445, 10.003896: Graffito, 50 x 70 cm schwarz-weiß auf Muschelkalkblöcken. Am 27.11.2020 veröffentlicht @neal_hamburg auf seinem Instagram-Account das vollendete Werk. Zuvor, am 29.10.2020, postet er (?): „Cant wait to bring that one outside“.[1]

Eine Figur mit Badwood-Strumhaube2 entflieht aus einem dunklen Raum, das rechte Bein bis unterhalb der Brust angewinkelt, barfuß. Der nackte Fuß steht auf der sichtbaren, unteren Begrenzung des Raumes. Die Hände halten sich leicht am Rahmen rechts und links fest. Nein, sie krallen sich nicht fest, es sieht eher nach Orientierung im Raum, nach Vergewisserung aus. Die eng anliegende Hose ist bis zum Knie aufgekrempelt, das luftige Hemd wird zur Hälfte offen getragen. Der Kopf schaut nach links. Diese Badwood-Strumhaube mit den dunkelschwarzen Augenhöhlen und dem offenen Mund erzeugt ein Störgefühl: Irgendwo eingestiegen und nun ein letzter Blick, ob die Luft rein ist? Thema Flucht? Doch wovor? Wird die Figur verfolgt? Oder droht Verfolgung? Was bringt die Zukunft? Ist es eher ein Selbstbildnis oder ein Symbolbild? Es scheint jedenfalls, als ob die Figur kurz vor dem letzten Schritt verharrt und sich orientiert. Illusion und Wirklichkeit. Sie verschwimmen.

Orientierung im Raum: Südost-Fassade der Kunsthalle Hamburg. Im Hintergrund das Graffito.

Aber vielleicht hilft ein Blick auf die Inspirationsquelle? Die schuf 1874 Pere Borrell del Caso unter dem Titel: „Escapando de la critica“, deutsch: „Flucht vor den Kritikern“ und gehört heute zur Collection Banco de España, Madrid. Das farbige Pendant zeigt einen Jungen mit Faszination, Neugier und Angst im Gesicht. Wird er den Raum verlassen? Er hält sich am falschen Rahmen des Bildes fest. Pere Borrell del Caso steht für das Trompe-l’œil, „eine illusionistische Malerei, die mittels perspektivischer Darstellung Dreidimensionalität vortäuscht“.[3]

Pere Borrell del Caso: Huyendo de la crítica (1874)
Quelle: wikimedia [4]
@neal_hamburg: Ohne Titel (2020)

Blickrichtung, Haltung, Bekleidung und den falschen Rahmen übernimmt @neal_hamburg. Farbe gibt es nicht: Gesprayt wurde in schwarzweiß im Stil Banskys (?). Subversiv wird das Graffito durch die Sturmhaube. Gedanken an G20 in Hamburg kommen auf. Fehlt nur noch der brennende Molotow-Cocktail in einer Hand. Dann wird der Raum hinter der Figur aber nicht zum Angstraum, aus dem jemand flieht oder sich befreit, sondern eher zum Rückzugsraum und verkehrt den Titel des Originals.

Wie auch immer: Jemand möchte in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben. Warum? Falsche Haltung, Überzeugung? Irgend etwas „angestellt“? Dass sich Kritiker:innen dann an Anonym abarbeiten? Flieht die Person aus der Anonymität mit Strumhaube in eine offene Gesellschaft mit offenen Gesichtern und ist erstaunt und fasziniert gleichermaßen? Passt aber auch nicht so ganz in das MNS/MNB-Jahr 2020. Also doch eher die vorbereitete Flucht in eine Gesellschaft der anonymen Strumhaubentragenden?

Und die Kunsthalle Hamburg? Was sagt sie dazu? In einem Facebook-Post vom 18.12.2020 heißt es u. a.: „Wir haben uns vorerst für den Erhalt des Graffito entschieden und nun ein kleines Schild fertigen lassen: Anonym. Ohne Titel, 2020, Hamburger Kunsthalle, Eigentum der Öffentlichkeit.“[5] Das kleine Schild wurde inzwischen von Unbekannt umgelagert – wohl in die eigenen Bestände.

Prominenter Platz für die Graffito-Kunst in Hamburg, Kunstzitat mit Gegenwartsbezug. Nachdenkzwang.
Dennoch: Es bleibt eine Sachbeschädigung.

1 [https://www.instagram.com/p/CG8Gl3cHVcb/]
2 [https://www.badwoodx.com/collections/o-g-core-restock]
3 [https://de.wikipedia.org/wiki/Trompe-l%E2%80%99%C5%93il]
4 [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Escaping_criticism-by_pere_borrel_del_caso.png]
5 [https://www.facebook.com/HamburgerKunsthalle/?tn=-UC*F]

Erster Hinweis aus dem Fediversum:

Screenshot: https://norden.social/@Trojaner/105420025144324686
Post von @Trojaner unter CC0